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23. November 2016

Physik, Politik und die große Lücke dazwischen

Warum die Diskrepanz zwischen physikalischen Fakten und politischen Ambitionen die Erarbeitung einer Klimastrategie erschwert, erklärt Dr. Heinz Kopetz aus Sicht der World Bioenergy Association.

Eine erfolgreiche Strategie gegen den Klimawandel ist eine der dringlichsten Fragen unserer Zeit und eine besonders komplizierte dazu, denn der Klimawandel ist nicht allein eine ökologische Problematik. Er wirft gesellschaftliche und politische Fragestellungen auf, die vergessen lassen, dass man es beim anthropogenen Klimawandel mit einem auf Naturwissenschaft basierendem Phänomen zu tun hat. So entsteht eine Lücke zwischen den politischen Zielen und den aus wissenschaftlicher Sicht relevanten Maßnahmen. Das kann soweit führen, dass eine Klimastrategie scheitert, weil wissenschaftliche Fakten im politischen Prozess ignoriert wurden.

Aktuell werden in Brüssel Maßnahmen diskutiert, die eine Erreichung des Zwei-Grad-Ziels sicherstellen sollen. Dieses beinhaltet eine Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2030 um 40 Prozent (im Vergleich zu 1990) und eine Steigerung des Anteils von erneuerbarer Energie am Energiemix auf 27 Prozent – ebenfalls bis 2030.
Neben einem verbesserten EU-Emissionshandel setzt man unter anderem auf erhöhte Energieeffizienz (besonders in Gebäuden), Ausbau der E-Mobilität, finanzielle Unterstützung für Projekte zur CO2-Abscheidung und –Speicherung, Nachhaltigkeitskriterien für Biomasse und die Reduktion von Biotreibstoffen der ersten Generation (z.B. Biodiesel, Bioethanol).

Von den Verantwortlichen in Brüssel wird kolportiert, dass dieses neu erarbeitete Paket einen ernsthaften Schritt in Richtung Dekarbonisierung bedeuten wird. Die wissenschaftlichen Daten sprechen jedoch eine andere Sprache, wie Dr. Heinz Kopetz, Senior Consultant der World Bioenergy Association, darlegt:

 

» 2016 stieg die Konzentration von CO2 in der Erdatmosphäre auf 405 ppm. Mit einer zu erwartenden Zunahme von 2 bis 3 ppm jährlich wird spätestens 2025 ein Wert von 420 ppm überschritten werden.
Experten sehen in diesem Wert von 420 ppm eine kritische Schwelle, nach deren Überschreitung das Zwei-Grad-Ziel unerreichbar sein wird. Ohne sofortige kurzfristige Maßnahmen zur Treibhausgasreduktion sind die so oft bemühten Klimaziele daher obsolet.

» Das CO2-Budget der EU-Staaten wird – folgt man den Angaben des IPCC – noch vor 2035 erschöpft sein. Um die gesteckten Ziele dann noch zu erreichen, dürfte kein Gramm fossiler Brennstoffe mehr verbraucht werden – eine utopische Vorstellung. Um ein 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müsste der schrittweise Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energieträger noch früher stattfinden, nämlich definitiv noch vor 2025 – ein ebenso unrealistisches Szenario.

» Obwohl sich eine Vielzahl der Maßnahmen innerhalb der Klimastrategie auf den Bereich E-Mobilität konzentriert, wird die Elektromobilität aufgrund der Zeit, die für eine Umstellung auf Elektrofahrzeuge und Ökostrom benötigt wird, bis 2030 nur wenige Prozente zur Reduktion der CO2-Emissionen beitragen können. Auch der positive Effekt von erhöhter Energieeffizienz in Neubauten wird erst in 20 bis 30 Jahren deutlich wahrnehmbar werden.

» Durch die sinkenden Preise für Öl und Gas steigen Bedarf und Verbrauch fossiler Energieträger, während zugleich Innovationen und Entwicklungsarbeit im Bereich der Erneuerbaren im Wärmebereich gebremst werden.

 

Die Schlüsse von Dr. Kopetz aus diesen Überlegungen sind folgende:

 

» Die Auffassung der zuständigen Klimastrategen, dass die Pariser Klimaziele erreicht werden können, indem der größte Teil der Treibhausgasreduktionen nach 2030 stattfindet, steht in starkem Kontrast zu den wissenschaftlichen Fakten. Es gibt eine beträchtliche Diskrepanz zwischen den physikalischen Daten und der politischen Wahrnehmung der Situation seitens der Verantwortlichen in Brüssel, die zur Folge hat, dass die Dringlichkeit der Problematik unterschätzt wird. Eine mögliche Verringerung der Förderungen für Erneuerbare, wie sie momentan besprochen wird, wird diese Problematik nur noch verschärfen.

» Die Dringlichkeit von kurzfristiger Treibhausgasreduktion muss besser kommuniziert werden, denn nur wenn konkrete Maßnahmen vor 2030 stattfinden, rückt eine Erfüllung des Zwei-Grad-Ziels überhaupt in den Bereich des Möglichen.

» Die EU-Verantwortlichen müssen Mitglieder zur Verwendung von erneuerbarer Energie ermutigen anstatt Hürden für den Einsatz derselben zu schaffen. Denn eine Klimastrategie, die den Stand von erneuerbarer Energie schwächt, weil sie zu stark durch Interessen von Großkonzernen und der Fossil- und Atom-Lobby beeinflusst wurde, wird ihre Ziele verfehlen.

 

Literaturtip: Heinz G. Kopetz, Paris – wie weiter? Energie- und Klimakonzepte für Österreich, 2. erweiterte und aktualisierte Auflage, November 2016, mit einem Nachwort von Ernst Scheiber, herausgegeben von Ernst Scheiber und Kurt Ceipek, Verlag DTW ZukunftsPR, Mauerbach.

 

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