​Die Debatte der CO2 Neutralität der Nutzung von Bioenergie

Ein umstrittener Bericht des englischen Thinktanks Chatham House, der u.a. von zahlreichen Ölkonzernen finanziert wird, hat eine Debatte darüber ausgelöst, ob Biomasse als CO2 neutral gelten sollte. Hier lesen Sie eine Diskussion der vorgebrachten Argumente.

CO2-Debatte

Die aktuelle Debatte um die CO2 Neutralität von Bioenergie geht auf einen Bericht (Link) des britischen Thinktanks Chatham House zurück, der im Jahr 2017 publiziert wurde.

Chatham House war ursprünglich ein auf Außenpolitik fokussiertes Institut. Nach der Ölkrise in den frühen 80er Jahren wurde das Energy Environment and Ressource Department von Chatham House geründet, das unter anderem von Exxon Mobile, Shell, BP, Chevron und anderen Ölfirmen finanziert wird und das die Studie mit dem Titel „Woody Biomass for Power and Heat: Impacts on the Global Climate“ publizierte.

Kernaussage dieser Studie ist, dass die Nutzung von Bioenergie grundsätzlich nicht als CO2 neutral zu betrachten ist. Drei Hauptargumente werden für diese Feststellung ins Treffen geführt:

  1. Die CO2 Neutralität der Nutzung von Bioenergie darf nicht von vornherein angenommen werden, weil im Falle, der nicht nachhaltigen Nutzung biogener Ressourcen Nettoemissionen von CO2 die Folge sind.
  2. Ausschlaggebend für die CO2 Neutralität der Bioenergienutzung ist aus Sicht der Autoren nicht die Frage, ob im Rahmen einer nachhaltigen Waldwirtschaft eine ausgeglichene Bilanz zwischen CO2 Aufnahme durch den Wald und CO2 Emissionen durch die Waldnutzung gegeben sind. Unterstellt wird, dass ein Baum der nicht genutzt worden wäre weitergewachsen wäre und weiter CO2 absorbiert hätte. Diese theoretische CO2 Absorption wird als „Carbon debt“, als „Kohlenstoffschuld“ der Bioenergie bezeichnet.
  3. Schlussendlich wird noch argumentiert, dass auf Grund der höheren momentanen CO2 Emissionen, die bei der Verbrennung von Holzbrennstoffen entstehen, Nachteile für den kurzfristigen Erfolg der Klimapolitik entstehen. Es wird auf die „Tipping Points“ hingewiesen die, werden sie einmal überschritten, zu einem selbstverstärkenden Treibhauseffekt führen, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Aufgrund dieser zeitlichen Problematik wäre es besser Wälder als CO2 Senken zu bewirtschaften die nicht genutzt werden und weiter fossile Energie zu verwenden.

Die Publikation des Chatham House Berichts haben zu einer scharfen wissenschaftlichen Kontroverse geführt. Experten des Bioenergie Arbeitsgruppe der Internationalen Energieagentur haben eine Entgegnung zu der Studie verfasst, die hier (Link) zu finden ist. Im folgenden werden die Argumente der Chatham House Studie sowie die Kritik an der Studie durch die Wissenschaftler der IEA diskutiert.

Argument 1
Fehlende CO2 Neutralität aufgrund nicht nachhaltiger Nutzung biogener Ressourcen

Das Argument der Chatham House Studie, dass im Fall der nicht nachhaltigen Nutzung von biogenen Ressourcen Netto Emissionen von CO2 entstehen ist ohne Zweifel korrekt. Würde die Nutzung biogener Brennstoffe dazu führen, dass es zu einer nachhaltigen Reduktion vom im Wald gespeicherten CO2 kommt, wäre die Annahme der CO2 Neutralität nicht gerechtfertigt. Tatsache ist, dass es in Europa zu einer stetigen Zunahme der CO2 Speicherung in den Wäldern kommt, weil in allen Ländern weniger Holz genutzt wird, als jährlich nachwächst. Dies gilt auch für die Waldnutzung in Kanada, in den USA und in Russland. Es gibt keinerlei Evidenz dafür, dass die Bioenergie Nutzung in Europa zu einer Reduktion des in Wäldern gespeicherten Kohlenstoffs führt.

Argument 2
Den Wald außer Nutzung stellen wäre die beste Form der CO2 Reduktion

Der Kern der Debatte um die CO2 Neutralität der Bioenergie dreht sich um die Frage, welche Alternativen betrachtet werden. Behauptet wird, dass die Nichtnutzung des Waldes als Energieträger viel vorteilhafter wäre, da der Wald in diesem Fall weiter CO2 speichern würde. Dieses Argument scheint auf den ersten Blick stichhaltig. Tatsächlich ist es in hohem Maße irreführend.

Der Wald wird weder in Europa noch sonst wo primär für die energetische Nutzung geerntet, sondern um Holz als langlebigen ökologisches Baustoff, zur Herstellung von Möbeln, Fußböden, für Fenster, Türen, Verkleidungen, als Rohstoff für die Herstellung von Verpackungsmaterial, usw. zu gewinnen. Aufzuhören den Wald zu nutzen, würde bedeuten, all diese Produkte durch Plastik, Aluminium oder Stahl ersetzen zu wollen. Die Auswirkungen einer solchen Strategie auf die Umwelt kann man sich unschwer ausmalen.

In Österreich schafft die holzverarbeitende Industrie über 300.000 Arbeitsplätze die mit der Verarbeitung von Holz zu hochwertigen nachhaltigen Produkten und Bioenergie verbunden sind. Qualitativ hochwertige, nachhaltige Produkte aus Holz nicht mehr herzustellen und den Wald außer Nutzung zu stellen wäre eine absurde Maßnahme die dem Klimaschutz direkt zuwider läuft.

Wie abgehoben die Vorstellung ist, man muss die Bäume nur stehen lassen damit sie CO2 absorbieren, kann man sich am Beispiel der Durchforstung vor Augen halten. Bei diesem forstwirtschaftlichen Eingriff werden in einem dichten Jungwald ein Teil der jungen Bäume gefällt, um das Wachstum der übrigen Bäume zu fördern. Durchforstete Beständen weisen eine größere Stabilität und eine höhere Biodiversität auf und begünstigen das Wachstum von Wertholz das in langlebigen Produkten CO2 speichert. Die gefällten Bäume sind zu dünn für die Säge und können als Energieträger sinnvoll verwertet werden wobei sie Heizöl ersetzen.

Auch aus einer anderen Perspektive ist das „Stehenlassen des Waldes“ sinnlos und kontraproduktiv. Das zunehmend heiße trockene Wetter begünstigt massiv die Vermehrung von Forstschädlingen. Befallende Bäume müssen sobald wie möglich aus dem Wald gebracht werden, um eine lawinenartige Verbreitung des Borkenkäfers zu vermeiden. Die Vorstellung, den Wald einfach stehenzulassen, um mehr CO2 zu absorbieren würde in dieser Situation zu einer Katastrophe führen. Im Westen Kanadas wurden durch Borkenkäfer, die zu spät bekämpft wurden eine Waldfläche von 18 Millionen Hektar vernichtet, mehr als doppelt so groß wie die Fläche Österreichs. Quelle: www.nrcan.gc.ca

Argument 3
Die kurzfristige Dringlichkeit des Klimaschutzes

Die Sorge, dass wir bereits in naher Zukunft sogenannte Tipping Points erreichen, Situationen, in denen es zu Rückkopplungseffekten kommt, die zu einer beschleunigten und nicht mehr aufhaltbaren Weiterentwicklung der Klimaerwärmung führen ist real. Die Chatham House Studie kommt aus diesem Grund zu dem Schluss, dass es kurzfristig besser wäre fossile Energieträger, wie Erdgas zu verbrennen und das Holz im Wald liegen zu lassen, um geringere kurzfristige CO2 Emissionen zu verursachen.

Die zentrale Botschaft des IPCC ist, dass wir das Gesamtbudget an fossilem Kohlenstoff nicht überschreiten dürfen, wenn wir das Paris Ziel erreichen wollen. Der Umbau der fossilen Energiewirtschaft muss so rasch wie möglich in Angriff genommen werden und ist ohne die Nutzung von Bioenergie undenkbar. Zu argumentieren, dass es kurzfristig besser wäre, fossile Energieträger zu verwenden als erneuerbare führt in eine Sackgasse weil sie den Umbau der Energiewirtschaft verzögert und damit das verbleibende Kohlenstoffbudget verbraucht. Nicht zuletzt deshalb führt das IPCC auch in seinem jüngsten Bericht im Detail aus, dass Szenarien für die Erreichung der Klimaschutzziele mit einem massiven Ausbau der Bioenergie verbunden sind.

Wie sieht es mit der Bioenergienutzung in Österreich aus?

In Österreich wird derzeit durch den Einsatz unterschiedlicher biogener Energieträger ein Energieaufkommen von 232 PJ realisiert, das ist 56% der gesamten Bereitstellung von erneuerbarer Energie. 80 % dieser Energiemenge stammt aus Holzbrennstoffen, die in Österreich lokal anfallen, sei es in der heimischen Forstwirtschaft oder in heimischen holzverarbeitenden Betrieben, wie Sägewerken, Papierfabriken oder Plattenfabriken.

Holzbrennstoffe stellen dabei immer ein Koppelprodukt der stofflichen Nutzung bzw. der forstlichen Produktion von Sägerundholz dar. Richtig ist, dass die österreichische Sägeindustrie rund ein Drittel des eingesetzten Holzes aus der unmittelbaren Nachbarschaft, importiert, nämlich aus Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Slowenien. In all diesen Ländern ist für eine nachhaltige Forstwirtschaft gesorgt.

Rund 2 PJ, das ist weniger als 1% der in Österreich eingesetzten Bioenergie wird in Form von Pellets aus Rumänien importiert, einem Land, in dem immer wieder von illegaler Holznutzung und der Schlägerung von Urwäldern die Rede ist. Importierte Pellets aus Rumänien, werden dort nachweislich nur aus Hobel- und Sägespänen hergestellt. Kein Baum wird in Rumänien gefällt, um daraus Pellets herzustellen. Das Herstellerunternehmen Schweighofer unternimmt größte Anstrengungen um sicherzustellen, dass kein Holz aus Naturschutzgebieten angeliefert wird.

Wirkung der Debatte

Die Debatte über die CO2 Neutralität von Bioenergie ist komplex. Richtige Argumente werden mit Halbwahrheiten vermischt und unrealistische Szenarien werden als Maßstab gewählt um die Rolle des wichtigsten erneuerbaren Energieträgers zu kritisieren. PR Kampagnen trivialisieren die komplexe Debatte und kommunizieren, dass ein Baum viel länger zum Wachsen benötigt, als es Zeit braucht, um ihn zu verbrennen und argumentieren, dass die Verbrennung von Holz mehr CO2 erzeugt, als die Verbrennung von Öl und Gas.

Was die Debatte über die CO2 Neutralität bewirkt, ist eine starke Verunsicherung der Öffentlichkeit. Was zunächst als Lösung erschien, wird wieder fraglich. Der Verlauf der Debatte über die CO2 Neutralität erinnert fatal an die Debatte, die von Klimawandelleugnern vom Zaun gebrochen wurde. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, unterstützt durch die PR Maschinerie der Ölindustrie hat Jahrzehnte lang verhindert, dass ernsthafte politische Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden.

Nun ist es wieder eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, unterstützt durch umfassende PR Kampagnen, die die Energiewende blockieren. Je mehr Raum der Debatte über die CO2 Neutralität der Bioenergie im öffentlichen Diskurs gegeben wird, desto größer ist der Schaden, den diese Debatte anrichtet und desto eher werden diejenigen Erfolg haben, die an der Aufrechterhaltung des Status quo Interesse haben, ohne Rücksicht darauf welche katastrophalen Auswirkungen das auf unsere Zukunft und die Zukunft kommender Generationen haben wird.

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